Über Präsenz, Offenheit – und warum echtes Sehen nichts mit Kontrolle zu tun hat
Achtsamkeit ist eines dieser Wörter, die man heute kaum noch hören kann, ohne innerlich leicht die Augen zu verdrehen. Es taucht in Apps auf, in Podcasts, in Coachings, in Werbeanzeigen. Oft klingt es nach Selbstoptimierung, nach Produktivität mit Räucherstäbchen.
Dabei hat Achtsamkeit ursprünglich mit all dem erstaunlich wenig zu tun.
In einem Gespräch über Zen-Praxis fiel eine Definition von Achtsamkeit, die ungewohnt ist. Und gerade deshalb so treffend:
Achtsamkeit ist kein willentlicher Fokus. Sie ist ein Zustand von Offenheit. Ein verbundenes Sein mit dem, was gerade da ist.
Und genau dort wird sie plötzlich interessant – nicht nur für Meditation, sondern auch für Fotografie, Wahrnehmung und kreatives Arbeiten.
Das Missverständnis von Achtsamkeit
Im westlichen Verständnis wird Achtsamkeit häufig mit Konzentration gleichgesetzt: Sich bewusst auf etwas richten, Ablenkungen ausblenden, „bei der Sache bleiben“.
Zen meint etwas anderes. Echte Achtsamkeit entsteht nicht durch Anstrengung. Sie lässt sich nicht erzwingen, nicht kontrollieren, nicht herstellen. Sie entsteht dort, wo Kontrolle losgelassen wird.
Nicht weniger Wahrnehmung, sondern mehr. Nicht Tunnelblick, sondern Weite.
Achtsamkeit als verbundenes Sein
Eine einfache Szene macht den Unterschied deutlich: Ein Sonnenuntergang am Meer. Der Impuls ist vertraut: Kamera oder Handy raus, Foto machen, teilen, weiter. Zurück bleibt eine Erinnerung, aber eben oft kein echtes Erleben.
Achtsamkeit bedeutet hier etwas anderes: Farben sehen. Wind auf der Haut spüren. Geräusche hören. Den eigenen inneren Zustand wahrnehmen, vielleicht sogar die leise Traurigkeit, weil etwas zu Ende geht.
Nichts davon wird bewertet. Nichts davon muss festgehalten werden. Es ist einfach da.
Und genau darin liegt die Qualität: Nicht die Situation besitzen zu wollen, sondern Teil von ihr zu sein.
Warum Achtsamkeit nichts mit Kontrolle zu tun hat
Ein zentrales Missverständnis: Achtsamkeit soll Fehler vermeiden. Im Zen ist oft das Gegenteil der Fall.
In Ritualen wie der Teezeremonie wird zwar eine feste Form geübt, aber nicht, um Perfektion zu erreichen. Sondern um irgendwann die Form loslassen zu können. Fehler gehören dazu. Unvorhersehbares auch.
Achtsamkeit zeigt sich nicht darin, dass alles glatt läuft, sondern darin, wie mit Störungen umgegangen wird.
Nicht panisch. Nicht verkrampft. Sondern angemessen. Das gilt im Alltag genauso wie hinter der Kamera.

Achtsamkeit und Fotografie: Sehen statt machen
Für achtsame Fotografie und Shutter Zen ist dieser Punkt entscheidend. Viele fotografische Probleme sind keine technischen. Sie sind Wahrnehmungsprobleme.
Wer stark fokussiert ist – auf Regeln, auf Bildideen, auf Ergebnisse – sieht oft weniger. Wer offen ist, nimmt mehr wahr: Licht, Übergänge, Spannungen, Stille.
Achtsames Fotografieren heißt nicht, keine Fotos zu machen. Es heißt, aus einem Zustand von Präsenz heraus zu fotografieren.
Dann entstehen Bilder nicht durch Druck, sondern durch Resonanz.
Der richtige Moment wird nicht „gejagt“. Er zeigt sich.
Anfängergeist: Sehen, als wäre es das erste Mal
Eng mit dieser Form von Achtsamkeit verbunden ist der Begriff Anfängergeist. Er beschreibt einen Bewusstseinszustand, in dem Dinge nicht sofort benannt, bewertet oder einsortiert werden.
Kein „Ach ja, kenn ich schon“. Kein innerer Kommentar.
Ein Vogel ist dann nicht „ein Vogel“. Er ist Klang. Bewegung. Präsenz.
Diese Haltung ist nicht naiv. Sie ist wach.
Und sie ist trainierbar. Nicht durch mehr Wissen, sondern durch weniger Festhalten.
Warum das im Alltag so schwer ist
Unser gewohntes Ich lebt von Einordnung. Von Erfahrungen. Von Geschichten, die wir uns über Menschen, Situationen und uns selbst erzählen.
Achtsamkeit beginnt dort, wo dieser innere Film bemerkt wird. Nicht bekämpft, nur gesehen.
Allein dieses Sehen schafft Abstand. Und plötzlich ist wieder Raum.
Achtsamkeit ist kein Tool. Sie ist eine Haltung.
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Achtsamkeit ist nichts, das man benutzt.
Sie ist kein Werkzeug für bessere Leistung. Kein Mittel zum Zweck. Keine Technik, um effizienter zu funktionieren.
Sie ist eine Haltung gegenüber dem Moment. Und genau deshalb verändert sie alles, wie wir sehen, wie wir arbeiten, wie wir fotografieren. Nicht spektakulär. Aber nachhaltig.
Weiterdenken mit Shutter Zen
Shutter Zen beschäftigt sich nicht mit schneller Bildproduktion, sondern mit Wahrnehmung. Mit Reduktion. Mit dem Sehen vor dem Auslösen.
Achtsamkeit – verstanden als Offenheit – ist dabei kein Zusatz. Sie ist die Grundlage. Nicht als Konzept. Sondern als Erfahrung.
Wenn dich dieser Blick auf Achtsamkeit angesprochen hat, lohnt es sich, nicht weiterzulesen, sondern genauer hinzusehen.
